Köln-Bonner Musikkalender



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Porträt :   Bonner Jazzfest geht im Mai in die fünfte Runde
Zum 5. Mal findet in diesem Jahr vom 22. Mai bis 1. Juni das Jazzfest Bonn statt. Nachdem in den vergangenen Jahren alle Konzerte restlos ausverkauft waren, wurde das Festival in diesem Jahr auf eine Woche ausgedehnt. Der Musikkalender sprach mit Festivalleiter Peter Materna über das diesjährige Programm, Konzept und Erfolg des Jazzfestes.  (288)


Mk: Herr Materna, ab dem 22. Mai findet das mittlerweile 5. Jazzfest statt. Bereits in den letzten Jahren war das Festival ein riesiger Erfolg. Was sagen Sie selbst zu dieser Resonanz?
PM: Ich freue mich natürlich ganz besonders über diese positive Resonanz. Ganz besonders deshalb, weil es sich ja um eine Musik handelt, die sonst nicht immer erfolgsverwöhnt ist. Dass das Jazzfest so gut ankommt und wir es bisher immer geschafft haben, dass die Konzerte allesamt ausverkauft waren, freut mich natürlich besonders für die Musiker.
Mk: Im Vergleich zum letzten Jahr hat sich ja doch noch mal einiges geändert in diesem Jahr. Welche Änderungen gibt es genau?
PM: In diesem Jahr ist eine weitere Spielstätte dazugekommen, das Rheinische Landesmuseum. Außerdem dauert das Jazzfest diesmal drei Tage länger als im vergangenen Jahr. Besonders freue ich mich auch auf die Kooperation mit „Electronic Beats“ im Telekom Forum am 1. Juni. Zum einen den Superstar des Modernen Jazz Wayne Shorter mit seinem Quartett und den Star der Elektronischen Musikszenen Matthew Herbert. Und wir haben es dank unseres Sponsors Deutsche Post geschafft, einen weiteren internationalen Superstar, nämlich Dianne Reeves, für das Eröffnungskonzert am 22. Mai zu engagieren. Außerdem haben wir in diesem Jahr einen hohen Anteil an deutschen Musikern dabei. Ich hoffe, dass sich das Ansehen der deutschen Jazzszene somit auch auf Dauer in der Wahrnehmung verschiebt.
Mk: Die Konzerte finden immer als Doppelkonzerte statt. Wie kamen Sie auf dieses Konzept? Sie könnten ja auch das Jazzfest auf zwei Wochen ausdehnen und jeden Musiker, jede Band einzeln auftreten lassen.
PM: Die Idee zu den Doppelkonzerten entstand zum Einen aus der Situation heraus, dass die deutschen Jazzmusiker in der Vergangenheit oft Probleme hatten, die Säle zu füllen. Eigentlich sogar unabhängig von der Saalgröße. Durch die Kombination von internationalen Jazzgrößen und deutschen Musikern in einem Konzert sieht das wiederum anders aus. Zum Anderen ist es ja auch unser Anliegen, den Nachwuchs zu fördern. So versuchen wir, etablierte Jazzer und Newcomer jeweils in einem Konzert auftreten zu lassen.
Mk: Gibt es abgesehen von diesen Aspekten auch noch inhaltliche Gesichtspunkte bei den Doppelkonzerten?
PM: Wir kombinieren die Bands natürlich auch immer so, dass sie einander atmosphärisch ergänzen. Außerdem spielen die Spielstätten eine Rolle, denn die Bands sollen sich natürlich auch akustisch gut einfügen. So liegt es beispielsweise auf der Hand, Klavier-lastige Programme u.a. im Collegium Leoninum stattfinden mit seinem ausgezeichneten Flügel stattfinden zu lassen.
Mk: Sie sind selber ja etablierter Jazzsaxophonist und nicht wenige Musiker, mit denen Sie schon zusammen gespielt haben, sind auch immer wieder Gäste beim Jazzfest – kommt da manchmal der Wunsch auf, selber ein Konzert beim Jazzfest zu bestreiten?
PM: (lacht) Nein, das habe ich nicht vor. Ich habe beim Jazzfest Bonn ein gänzlich andere Rolle und somit auch andere Aufgaben. Ich muss auch an den Konzertabenden noch Dinge organisieren, Gäste begrüßen etc. – das wäre nicht zu kombinieren.
Mk: Welche Vorteile ergeben sich für Ihre Rolle als Festivalleiter daraus, dass Sie selber professioneller Jazzmusiker sind?
PM: Als aktiver professioneller Musiker bekomme ich selbstverständlich sehr früh mit, was sich in der Szene tut. So bin ich natürlich immer auf dem aktuellsten Stand und kann diesen bei meiner Planung berücksichtigen.
Mk: Welches sind Ihres Erachtens die besonderen Highlights in diesem Jahr?
PM: Ich freue mich, dass musikalisch jeder Abend und jede Band ein Highlight ist. Stilistisch ist das Andromeda Mega Express Orchestra am 24.5. und Nils Petter Molvaer am 31.5. etwas ganz besonderes. Andromeda als eine Band, die mit sehr jungen Musikern besetzt ist und fulminant Jazz und Klassik miteinander verbindet. Das Konzert mit Molvaer wird sicherlich ein Erlebnis für alle Sinne – er bringt sogar seine eigenen Lichtleute und Sounddesigner mit…
Mk: Das Jazzfest hat von Anfang an eingeschlagen wie eine Bombe, Sie scheinen damit eine Marktlücke in Bonn zu füllen. Wie sehen die Ideen aus, das weiterzuentwickeln? Kommt da nicht eventuell auch der Gedanke auf, eine ganzjährige Jazzreihe in Bonn zu etablieren?
PM: Es ist natürlich toll, dass das Jazzfest so gut angenommen wird und von Anfang an angenommen wurde. Ich freue mich sehr darüber. Es gibt aber derzeit keinerlei Pläne, das Format auf ein ganzjähriges zu erweitern.
Mk: Vielen Dank für das Gespräch und ein schönes und erfolgreiches Festival. vd


Porträt :   Brahms' Ein deutsches Requiem und seine "sonnigste" Sinfonie in Bonn
Bereits seit 2007 ist er als musikalischer Assistent beim Philharmonischen Chor der Stadt Bonn und dem Bach-Verein Köln tätig, an Allerheiligen wird er Brahms' Deutsches Requiem und die 2. Sinfonie dirigieren. Für den Köln-Bonner Musikkalender sprach Verena Düren mit dem jungen Dirigenten Daniel Spaw.  (262)


MK: Herr Spaw, Sie haben zunächst Klavier studiert und dann auch Kammermusik gemacht – offensichtlich auch recht erfolgreich – wie sind Sie zum Dirigieren gekommen?
DS: Ich hab Klavier solo studiert, hatte aber immer schon den Wunsch, Dirigent zu werden. Ich habe mit fünf Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Insofern ist das Klavier mein Instrument. Es war auch ein wenig der Weg zum Dirigierstudium. Die Kammermusik war eigentlich keine richtige Richtung bei mir. Das habe ich nur recht wenig gemacht.
MK: Ist Klavierspiel eine Bedingung, um Dirigent zu werden?
DS: Nein, Bedingung ist es nicht, aber es bringt große Vorteile mit sich. Mein Professor an der Musikhochschule in Köln, Prof. Luig legt großen Wert darauf, aber das ist eine subjektive Sache. Es hilft einfach ungemein, wenn man sich als Dirigent Harmonien vorstellen kann und das lernt man beim Klavierspiel. Als Nachwuchs-Dirigent findet man in Deutschland in erster Linie Anstellungen bei den Theatern, das heißt als Korrepetitor. Das beinhaltet oft eine Dirigierverpflichtung. So haben viele große Dirigenten angefangen und das ist bis heute der übliche Weg. Dafür muss man natürlich Klavier spielen.
MK: Sie kommen aus den USA, haben auch Klavier in den USA studiert. Wie kommt es, dass Sie das Dirigierstudium nun in Deutschland machen?
DS: Das war ehrlich gesagt Zufall. Ich hab an einem Stipendium teilgenommen, dem Parlamentarischen Partnerschaftsprogramm, das vom amerikanischen Kongress und dem deutschen Bundestag gefördert wird. Das ist kein Stipendium speziell für Musiker – ich denke, ich war sogar in dem Jahr der einzige Musiker in der Gruppe. Wir bekamen die Möglichkeit, ein Jahr in Deutschland die Sprache zu lernen und ein Praktikum zu absolvieren. So kam ich nach Köln. Ich habe dann als Gasthörer Veranstaltungen an der Musikhochschule besucht und so auch Prof. Michael Luig kennengelernt. Seine Art, zu unterrichten, hat mir so gut gefallen, dass ich mich beworben habe.
MK: Dann war das Studium in Köln also keine bewusste Entscheidung?
DS: Ich bin zunächst nicht nach Köln gekommen mit dem Ziel, hier zu studieren. Das nicht. Aber es hat sich eben alles so gefügt und ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist. Ich denke, dass die Chancen für Berufsmusiker in Deutschland immer noch besser sind als irgendwo sonst. Natürlich merkt man auch hier Einsparungen und einen stärkeren Konkurrenzkampf. Aber zum Beispiel im Vergleich zu den USA kann ich nur sagen, dass die Chancen viel besser sind und auch viel mehr vom Staat und den Städten getragen und gefördert wird. Ich hatte natürlich auch das große Glück, einen guten Professor zu finden und sehr früh auch schon Thomas Neuhoff zu treffen, der mir die Chance gab, als sein musikalischer Assistent zu arbeiten.
MK: Wie genau sieht Ihre Arbeit als musikalischer Assistent beim Philharmonischen Chor der Stadt Bonn und dem Bach-Verein Köln aus?
DS: Mittlerweile mache ich die Proben teilweise alleine, aber als ich 2007 angefangen habe, habe ich die Proben gemeinsam mit Thomas Neuhoff betreut. Zuletzt haben wir z.B. Mahlers Achte einstudiert. Bei den Proben war es dann gerade am Anfang notwendig, die Chöre zu teilen. Dann übernimmt Thomas Neuhoff einen Teil des Chores und ich den anderen Teil.
MK: Wie kamen Sie am Anfang damit zurecht, dass Sie kein Muttersprachler sind? Ein Dirigent muss ja nun in einem gewissen Maße Autorität ausstrahlen und verständlich machen können, was er will. Gab es da Probleme?
DS: Ich war natürlich die ersten Male sehr aufgeregt, aber inzwischen würde es mir sogar schwerfallen, auf Englisch zu proben. Ich hab ja schließlich in meinem Studium das ganze Vokabular auf Deutsch gelernt. Ich denke aber, dass es noch relativ einfach ist, bei Musik verständlich zu machen, was man meint und was man als Dirigent haben will. Man kann Dinge anzeigen, vorsingen etc.. Ich hatte natürlich auch Glück, dass in dem Philharmonischen Chor sehr nette Leute sind. Sie haben es mir einfach gemacht.
MK: Sie werden an Allerheiligen den Philharmonischen Chor bei dem Deutschen Requiem von Brahms dirigieren. Haben Sie einen besonderen Bezug zu diesem Werk?
DS: Brahms‘ Deutsches Requiem ist ein großartiges Werk und für mich ist es ein Privileg, es dann auch im Konzert dirigieren zu dürfen. Ich bin mit Sicherheit mit einer anderen Brahms-Tradition in den USA aufgewachsen als die meisten Deutschen. Natürlich habe ich seine Werke gekannt, aber gerade das Requiem ist ein Werk, das bei uns natürlich alleine durch die Sprache nicht so bekannt ist. Bei den Proben jetzt sehe ich zum Beispiel immer wieder Sänger, die auswendig singen. Da merkt man, wie sehr sie dieses Werk verinnerlicht haben. Das ist bei mir natürlich noch nicht ganz so der Fall. Aber ich hoffe, dass ich etwas Frisches, vielleicht eine etwas andere Interpretationsweise einbringen kann. Gerade weil ich nicht so sehr von bestimmten Vorstellungen, wie das Werk zu klingen hat, geprägt bin. Ich freue mich besonders darüber, dass wir es an Allerheiligen aufführen werden. Für mich ist das Besondere und Einmalige an Brahms‘ Requiem, dass er die Hinterbliebenen in den Mittelpunkt stellt. Es geht weniger um das Jüngste Gericht und die Erlösung der Verstorbenen, sondern mehr um den Trost der Trauernden. Besonders spannend ist so gesehen auch, dass Brahms den Rahmen der katholischen Totenliturgie verwendet, sich vom Text her aber sofort davon distanziert. Denn in der Totenliturgie geht es ja um die Verstorbenen und nur am Rande um die Lebenden. Brahms ist da anders. Musikalisch merkt man das auch daran, dass man auch in den Momenten der Melancholie meint, etwas Tröstliches hören zu können. Besonders schön ist da auch die Paarung mit der zweiten Sinfonie von Brahms. Sie ist für mich die „sonnigste“ Sinfonie von Brahms – wenn man das so sagen kann.
MK: Das klingt nach einer sehr überlegten und spannenden Konstellation. Insofern wünsche ich Ihnen viel Erfolg und Freude beim Konzert am 1. November und natürlich auch sonst alles Gute für Ihre weiteren Pläne. Vielen Dank für das Gespräch! vd


Porträt :   Netzwerk als Zukunftsmodell?
1994 entstand in Köln der Arbeitskreis Kölner Chöre als loser Zusammenschluss einiger Kölner Konzertchöre. Ziel war dabei, eine Konzertreihe in der Kölner Philharmonie zu etablieren sowie die gegenseitige Unterstützung der Chöre. Im letzten Jahr bekam dieser lose Verbund mit dem NETZWERK KÖLNER CHÖRE eine richtige Form. Verena Düren sprach mit Martin Blankenburg, der den Arbeitskreis mitgegründet hat.  (262)


MK: Herr Blankenburg, was genau muss man sich unter dem Netzwerk Kölner Chöre vorstellen?
MB: Das Netzwerk Kölner Chöre ist aus dem Arbeitskreis Kölner Chöre heraus entstanden. Ich habe schon in den 80er Jahren beobachtet, dass es zwar viele sehr gute Kölner Chöre gibt, aber leider zu wenig Chorpublikum. Insofern war ich der Meinung, dass man die gegenseitigen Eifersüchteleien der Chöre beenden und stattdessen zusammenarbeiten sollte. So entstand 1994 der Arbeitskreis Kölner Chöre. Dieser verfolgte hauptsächlich zwei Ziele: Zunächst eine Chorkonzert-Reihe in der Kölner Philharmonie, bei der neben bekannten Chorwerken auch die Möglichkeit geschaffen wird, unbekannte Werke aufzuführen. Zum Anderen ging es um eine Abstimmung der Termine, damit sich die Chöre nicht gegenseitig in die Quere kommen. Es gibt viele verschiedene Arten von Chören, die Zahl der Mitglieder schwankt zwischen 20 und 150, es gibt Laien-Chöre, semi-professionelle und professionelle Chöre. Wie auch immer: alle Chöre stehen vor demselben Problem: es fehlt (besonders in Köln) an genügendem Publikumsinteresse. Dadurch sinken die Einnahmen und man ist gezwungen, Abstriche bei der Umsetzung zu machen. Im letzten Jahr haben wir den Arbeitskreis dann in einen Verein umgewandelt, das Netzwerk Kölner Chöre. So haben wir die rechtliche Grundlage, z.B. Sponsoren zu suchen. Mittlerweile gibt es auch eine zweite Konzert-Reihe in der Trinitatis-Kirche, die „Kölner Chorkonzerte extra“.
MK: Sie haben ja eigentlich mit Ihren eigenen Konzertreihen genug anderes zu tun – wie kamen ausgerecht Sie darauf, zuerst den Arbeitskreis zu gründen, aus dem dann das Netzwerk entstanden ist?
MB: Ich bin selber Chorsänger. Hinzu kommt, dass meine damalige Frau die Kölner Kurrende leitete. Da bekommt man natürlich einiges mit und ist selber daran interessiert, die Risiken zu mindern. So kam sehr schnell der Gedanke auf, dass man zusammenarbeiten und seine Aktivitäten bündeln muss. Wenn wir für ein Chorkonzert die Kölner Philharmonie anmieten, dann kostet uns das in etwa 11.000 Euro. Da wäre es wichtig, wenn man Sponsoren findet, was bisher leider auch noch zu wenig der Fall ist. Aber solche Konzerte wie z.B. unser alljährliches Weihnachtskonzert, das immer sehr gut besucht ist, bieten die Möglichkeit, Gewinne zu machen, durch die dann andere Chorkonzerte finanziell zum Teil abgesichert werden können.
MK: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass es in Köln an Chor-Publikum mangelt?
MB: Die Kölner sind ja an sich sehr interessiert, aber sie scheinen kein großes Faible für Chormusik zu haben. Köln hat keine evangelische Kirchenmusiktradition. Es gibt keine Innenstadtkirche, die ca. 800 Plätze bietet und eine gute Akustik für Chormusik hat. Chormusik an sich spielt für viele einfach keine Rolle mehr. In den Familien wird kaum noch gesungen, in den Schulen auch kaum noch. Es gibt nur wenige populäre Chorwerke, die jeder kennt. Dabei könnte man sogar damit für das Chorsingen werben, dass es gesundheitsfördernd ist (lacht): Es ist gut für die Lunge, für’s Herz und denken Sie alleine an die Glückshormone, die beim Singen freigesetzt werden! Man muss natürlich dazu sagen, dass das Ansehen des gemeinsamen Singens in Deutschland durch seine Instrumentalisierung im Dritten Reich sehr gelitten hat. Dadurch ist es – leider – für viele Menschen nicht mehr selbstverständlich, in einen Chor einzutreten.
MK: Es gibt immer mal wieder Ansätze, durch Publikums-Chöre, Mitmach-Chöre etc. das Publikum recht spontan einzubeziehen und mitsingen zu lassen. Ist das ein Modell, die Menschen zum Singen zu bewegen?
MB: Ich denke schon, dass das funktionieren kann. Es gibt viele großartige Chorwerke, aus denen man Auszüge so aufführen könnte. Wenn man z.B. die Matthäuspassion nimmt – da kann man schon einige Choräle auf diese Art einstudieren und umsetzen. Zuletzt gab es ein Volkslieder-Konzert mit der Kölner Kantorei: wie begeistert war das Publikum, als es bei alten deutschen Volksliedern mitsingen konnte. Und wahrscheinlich hat dort niemand die Nase gerümpft.
MK: Wie sieht es mit dem Nachwuchs in den Chören aus? Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir nur wenige Bekannte meiner Generation, also um die 30, einfallen, die in einem Chor singen.
MB: Es kommen immer mal wieder junge Leute zu den Proben, die großes Interesse haben. Aber man muss noch viel an der Nachwuchsförderung tun. Man muss sie an die Hand nehmen und auch betreuen. Gerade weil sie das Singen von Zuhause oder aus der Schule nicht mehr als selbstverständlich kennen.
MK: Wie viele Chöre sind mittlerweile im Netzwerk drin? Besteht da eine Fluktuation, wie kann man Teil des Netzwerks Kölner Chöre werden?
MB: Eigentlich besteht keine hohe Fluktuation. Zum Netzwerk gehören momentan zwölf Chöre, seit der Gründung des Arbeitskreises ist mal ein Chor ausgeschieden, ein anderer hinzugekommen. Mehr werden es eigentlich nur, wenn es mal Spaltungen von Chören gibt. Wir verstehen uns aber deshalb nicht als geschlossene Gesellschaft und sind offen für neue Chöre. Bedingung ist allerdings, dass ein Chor auf dem Niveau ist, ein Konzert in der Kölner Philharmonie ausrichten zu können.
MK: Stellt dieser Zusammenschluss von Ensembles, diese Zusammenarbeit für Sie ein Zukunftsmodell dar? Ist es etwas, was Sie auch in anderen Bereichen empfehlen würden oder sogar unabdingbar ist?
MB: Ich denke schon, dass der klassisch-musikalische Bereich neue Strukturen finden muss. Wenn die Ensembles zusammenarbeiten statt Konkurrenten zu sein, dann bieten sich ganz andere Möglichkeiten. Zum Einen ist da natürlich der finanzielle Aspekt, aber es geht natürlich über das rein Materielle hinaus. Als Zusammenschluss hat man eine ganz andere Stimme in der Kulturpolitik, man hat bessere Möglichkeiten, mögliche Sponsoren aufzutun Das sind ja alles elementare Punkte, mit denen sich die Musikszene ganz allgemein auseinandersetzen muss. Insofern könnten solche Netzwerke eine gute Basis für mehr Akzeptanz sein.
MK: Vielen Dank für das Gespräch!  vd


CD-Besprechungen :   CD-Besprechung  (262)

Nach eigenem Bekenntnis ist der Bonner GMD Stefan Blunier ein leidenschaftlicher Bruckner-Verehrer, und mit einigen Aufführungen seiner Werke hat er auch den praktischen Nachweis geliefert, wie aus solcher Verehrung hervorragende Darstellungen erwachsen können. Im Zuge eines solchen Konzerts in Bonn entstand inzwischen eine CD-Produktion mit Bruckners sogenannter „Nullter“ Sinfonie, die ihren Beinamen indes ganz zu Unrecht trägt, ist sie doch erst 1869, also zwischen der ersten und zweiten von Bruckners nummerierten Sinfonien entstanden, also keineswegs als „Vorübung“ zu betrachten. Aber der Komponist war nicht damit zufrieden, schrieb aufs Titelblatt groß „ungiltig“ und hat auch keine Revision mehr daran vorgenommen, wie er es bei den meisten anderen Werken tat. Das hat den Vorteil, hier ein „echtes“ Frühwerk zu finden (wenn man bei einem Mittvierziger diesen Begriff überhaupt verwenden darf), das den Meister noch auf der Suche nach seinem Weg zeigt und ihn auch mehr in seine Zeit stellt, aus der er sich später so sehr heraus heben sollte. Blunier versucht auch gar nicht, ihm jene typische „Aura“ anzudienen, die die späten Sinfonien auszeichnet, sondern lässt kraftvoll musizieren, und das Beethoven Orchester Bonn zeigt sich hier von seiner klanglich und spielerisch besten Seite. Auch aufnahmetechnisch ist nur Lob angebracht: Das Orchester klingt in der Stereo-Version (man kann die Platte auch im 6-Kanal-System abhören) sehr präsent und durchhörbar. Als „Zugaben“ offeriert die CD zudem einen Marsch und drei kurze Orchesterstücke aus noch früherer Zeit, hübsche Kleinigkeiten, die noch kaum den Großsinfoniker Bruckner ahnen, sondern ihn als Miniaturistien und typisches Kind seiner Epoche erscheinen lassen. Nicht zuletzt empfiehlt sich diese Aufnahme auch als Ergänzung zu den üblichen „Gesamtaufnahmen“ der Bruckner-Sinfonien, die die „Nullte“ ja meist außen vor lassen. Bruckner, Sinfonie d-moll („Nullte“) - Dabringhaus & Grimm MDG 937 1673-6 gd


CD-Besprechungen :   CD-Besprechung  (262)

Für seine neueste CD-Einspielung hat sich das Mahler Chamber Orchestra unter dem Dirigenten Daniel Harding die Geigerin Isabelle Faust ins Boot geholt. Wie sich herausstellt, eine ausgesprochen gelungene Kombination. Auf der gerade erschienen Platte steht Musik von Johannes Brahms im Mittelpunkt. Eine zuspackende Isabelle Faust kann man zunächst bei Brahms' Violinkonzert D-dur hören und auch der Orchesterklang erscheint sehr voll für ein Kammerorchester. Traumhaft schön gelingt auch der zweite Satz, neben der herausragenden Solistin verdienen auch die wunderbaren Holzbläser des MCO ein großes Lob. Ungewöhnlich, aber ausgesprochen spannend und bei diesen hervorragenden Musikern sehr sinnig ist die Kombination mit dem zweiten Streichsextett von Brahms. Auch hier ist Isabelle Faust als "Primaria" ganz in ihrem Element, spielt sie doch seit frühester Kindheit schon Kammermusik. Auch hierfür hat sie sich mit Mitgliedern des MCO hervorragende Musiker ausgesucht. Brahms' Streichsextette zählen bis heute mit zu den schönsten Kammermusikwerken, die es für eine größere Streichergruppe gibt. Wenn sich dann auch noch eine so homogene Gruppe an sehr guten Musikern zusammenfindet, kann es nur eine gelungene Aufnahme werden.
Brahms: Violinkonzert / Sextett Nr. 2 - HM 90 20 75 vd