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23.04.2014: Entrüstung und Sorge - wie geht es weiter mit der Musik an der Uni Bonn? Trotz Semesterferien brodelt es gewaltig an der Universität Bonn. Seit der Akademische Musikdirektor, André Kellinghaus, im Juli 2013 angekündigt hatte, sein Amt zum 31. März 2014 niederzulegen, stehen die beiden größten Ensembles der Universität sowie das Collegium musicum als Institution ohne Leitung da. Eine Findungskommission ist gescheitert. Nun steht das Collegium musicum vor dem möglichen Aus.

Von großer Sorge bis hin zu Wut reichen die Reaktionen, die die Vermutungen um ein mögliches Aus des Collegium musicum, des traditionsreichen Dachs, unter dem seit 60 Jahren die musikalischen Aktivitäten an der Universität Bonn laufen, hervorrufen. Ein wenig perplex und wie vor den Kopf geschlagen sieht man sich auf einmal mit verhärteten Fronten konfrontiert. Doch zunächst zu den Fakten: André Kellinghaus, der erst 2012 die Nachfolge Walter L. Miks als Akademischer Musikdirektor erfolgreich angetreten hatte, hat bereits im Juli 2013 die frühzeitige Niederlegung des Amtes angekündigt. Die Begründung lautete, dass er sich durch die Umstrukturierungen, die die Einrichtung der Position einer Kulturintendantin an der Uni mit sich brachten, in seinem künstlerischem Freiraum eingeschränkt sah. Er habe die Stelle unter anderen Voraussetzungen angetreten. Dass seine Kündigung das Collegium musicum in eine solche Krise stürzen würde, überraschte ihn jedoch selbst, da er die Änderungen nur für sich als nicht tragbar empfand. Doch die Findung eines Nachfolgers erwies sich als schwierig. Eine ausgewählte Findungskommission, in der auch Mitglieder der großen Ensembles saßen, wollte im März u.a. durch Probedirigate einen geeigneten Dirigenten für Chor und Orchester des Collegium musicum und in Personalunion einen AMD finden, in dessen Händen die Fäden des vielseitigen studentischen Musizierens zusammenlaufen. Doch - man kann es nicht anders sagen - bei dieser Findungskommission muss etwas ordentlich schiefgelaufen sein, denn seitdem hat sich die Lage zugespitzt und scheint vor allem keinesfalls mehr sachlich-neutral und lösungsorientiert. Zwei Tage vor den angekündigten Probedirigaten, bei denen sich fünf Kandidaten vorstellen sollten, wurden diese abgesagt. Die Begründung auch gegenüber den Studierenden lautete damals, dass man keinen Sachverständigen für Orchesterleitung für die Kommission finden konnte. Am 8. April äußerte sich der Pressesprecher der Uni Bonn, Dr. Andreas Archut, in der WDR Lokalzeit anders: Der Ton in der Kommission sei zu diesem Zeitpunkt bereits so zugespitzt gewesen, dass man das potenziellen Kandidaten nicht hätte zumuten wollen. Seitdem lag die Suche nach einem Nachfolger auf Eis und seitens des Rektorats wurden keine Anstalten offensichtlich, die Stelle auf Dauer oder auch zunächst nur vorübergehend zu besetzen. Seitdem fürchten die Studierenden der beiden größten Ensembles der Uni Bonn um die Möglichkeit, gemeinsam zu musizieren und kämpfen öffentlich um den Fortbestand der traditionsreichen Institution. Am 26. März veröffentlichte das Rektorat eine Pressemitteilung, in der von der Ausweitung der kulturellen Aktivitäten an der Uni sowie einem "vorübergehenden Personalengpass" beim Collegium musicum die Rede ist. Doch schon wenige Tage später, zum Beginn des Sommersemesters erfolgte eine von Studenten und Öffentlichkeit als drastisch empfundene Maßnahme: Die Schlüssel zu den Probenräumen wurden von der Uni eingesammelt und gar die Schlösser ausgetauscht. Von "gesetzlichen Vorschriften entsprechendem Umgang mit Universitätsressourcen" schreibt die Uni. Aber ist das Ausschließen der Musiker nicht ein falsches Signal zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt? Hat es in der Vergangenheit Probleme gegeben, die eine sehr kontrollierte Raumordnung notwendig machen? Wenn das Rektorat ernsthaft die kulturellen Aktivitäten an der Universität fördern will, warum legt es dann den Musikern bereits bei der Raumfrage Steine in den Weg? Die Studierenden kämpfen um den Fortbestand "ihres" Collegiums: Mit Hilfe der Presse, im Internet und sogar mittels eines musikalischen Flashmobs vor dem Hauptgebäude mit Mozarts "Lacrimosa". Die Möglichkeit, das Thema zu ihrer Zufriedenheit intern mit dem Rektor und der Kulturintendantin zu klären, scheint wegen fehlender Kommunikation nicht mehr zu existieren. Der Zuspruch der Öffentlichkeit - die Petition zum Erhalt des Collegium musicums hat alleine im Internet schon über 3.000 Unterzeichner - und auch die Unterstützung anderer Bonner Musikinstitutionen bestätigt die Studierenden. Große Hoffnungen hatten viele in die am 10. April stattfindende Rektoratssitzung gesetzt, bei der das Thema ausdrücklich auf der Tagesordnung stand. Die zentralen Forderungen der Studenten, die sie am 26. März in einem offenen Brief formuliert hatten, lauteten (leicht umformuliert): 1. Bitte um Aufnahme eines Dialogs 2. Erklärung der derzeitigen Notsituation statt "destruktive Energien" zu unterstellen 3. Kommissarische Besetzung des Amtes für das SS 2014 4. Beteiligung der Studierenden bei den Entscheidungen zur Zukunft des Collegiums sowie erneutes Auswahlverfahren. Nach der Sitzung am 10. April hat sich keine der Forderungen wirklich erfüllt und aus dem Rektorat kommen auf den ersten Blick beruhigende Töne, die aber auf den zweiten Blick vieles im Unklaren lassen. Die Entscheidung über den Nachfolger von Kellinghaus liegt nun ausschließlich in den Händen des Rektors, Prof. Dr. Jürgen Fohrmann. Eine Wiederaufnahme der Findungskommission unter Einbeziehung studentischer Vertreter ist nicht geplant. Misstrauisch macht auch die völlige Vermeidung der Position eines "Akademischen Musikdirektors". Stattdessen ist lediglich die Rede von der "Stelle des Chor- und Orchesterleiters", "neue Position" und "Leiter der universitären Musiksparte". Auch das Collegium musicum als Institution findet keinerlei Erwähnung, sondern lediglich vom "Musikbereich unter dem Dach des Kulturforums" oder ganz allgemein vom "studentischen Musizieren" ist zu lesen. Die Entscheidung, wer den Posten - wie auch immer er dann definiert ist - erhalten soll, will Professor Fohrmann im Mai treffen. Bis dahin werden die Studierenden, viele Alumni und auch die Öffentlichkeit um die Institution Collegium musicum fürchten müssen. So einige offene Fragen verursachen bis dahin ein ungutes Bauchgefühl: Warum überhaupt existiert dieses Kommunikationsproblem und scheint es keinen Versuch seitens des Rektorats gegeben zu haben, sich mit den Studierenden direkt zu verständigen - legt die Uni die Karten nicht auf den Tisch? Sind die ganzen "Irritationen" (so benannt von der Pressestelle der Universität) ein Deckmäntelchen zur geplanten Abschaffung des Akademischen Musikdirektors und des Collegium musicum? Wenn dem nicht so ist, wieso befreien Rektor und Kulturintendantin die Studierenden nicht durch ein klärendes Gespräch von diesen Ängsten? Gerade als Rektor der Philosophischen Fakultät sowie ausgezeichneter Literaturwissenschaftler sollte Prof. Fohrmann die Bedeutung der Schönen Künste bewusst sein. Für's Erste haben Chor und Orchester des Collegium musicum die Proben in Eigenregie und mit vielseitiger Unterstützung organisiert. Es bleibt zu hoffen, dass im Mai nicht nur ein neuer Chor- und Orchesterleiter bestellt wird, sondern ein Akademischer Musikdirektor und dass damit das Bangen um ein Aushängeschild der Universität Bonn ein Ende hat. Die Studierenden und die Bonner Öffentlichkeit haben auf jeden Fall gezeigt, wie wichtig ihnen der Fortbestand des Collegium musicums ist.